Spree Babe: "Augen auf und durch!"

Wer keine Gefühle zeigt, verhindert das Risiko beglückender Herz- und Schmerzanfälle.

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Ach, mein Freund ist wunderbar! Er ist mein Held - groß und schlank, zärtlich und leidenschaftlich, hat Humor, ist klug und erfolgreich. Und das sieht man - er trägt Maßanzüge und Maßhemden. Aber für die Berge ist das nicht das richtige out-fit, auch nicht für den Biergarten oder beim Kajak fahren. Da wandet er sich kritiklos in Sweatshirts, die er irgendwann mal vorm Kriege erworben hat. Okay, vorm Golfkrieg, aber auch das ist lange her. Diese Dinger sind dramatisch eingelaufen oder der Mann war viel kleiner bevor ich ihn kennen lernte. Oder er hat diese modischen Freizeitkreationen anders getragen, denn in der Breite bieten sie viel Spielraum. Meiner Meinung nach sind sie alle ein Fall für den Humana-Container*. Er gibt mir ja auch Recht, irgendwie. Aber irgendwie hängt er dran wie die Mutter am Kinde…  

Gern bummelt er mit mir durch die Stadt, aber die verheißungsvollen Schaufenster üben auf ihn nicht dieselbe Anziehungskraft aus wie auf mich. Streng genommen gar keine. Gelingt es mir, ihn zum Betreten eines Geschäftes zu überreden, steht er schwer atmend neben mir. Nicht, weil ihn in dem Moment die Schreiberin dieser Zeilen oder gar das Warenangebot so antörnt, sondern weil Klamottenkauf ihn schlichtweg in Alarmzustand versetzt und total überfordert. Mir zuliebe täuscht er Gelassenheit vor, wenn ich das eine oder andere Röckchen hochhalte und ihn nach seiner Meinung frage. Sein Blick wird fahrig, sucht den Ausgang. „Du siehst immer toll aus, egal, was du anhast.“ Seufzend hänge ich das textile Objekt meiner Begierde zurück. Es macht einfach keinen Spaß. Aber das hier!

 zieh dich an 1 „Schau mal, ist sogar runtergesetzt. 30% Rabatt!“ Sein Blick streift kurz über das Jäckchen. „Du hast doch so eine ähnliche Jacke. Lass sie hier, dann sparen wir 100%.“ Männerlogik… „Oben gibt´s auch Herrensachen. Guck doch mal.“ Versuche ich behutsam das Frühjahrs-Tuning meines Liebsten einzufädeln. Tatsächlich entschwindet er Richtung Rolltreppe. Ich beschließe, fix mal die Jacke überzuprobieren und ihm dann zu folgen, damit er sich auch bestimmt etwas aussucht. Während ich mich noch vorm Spiegel drehe, steht er schon wieder hinter mir und schaut auf die Uhr.

„Bin fertig,“ hänge ich die Jacke lächelnd zurück. „ich komme mit hoch.“ Seine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen:  „Ich war schon oben. Da ist nichts.“ Ungläubig sehe ich ihn an. Sein Blick wird fest. „Komm, lass uns irgendwo einen Cappuccino trinken.“ Ich fasse es nicht! Der Mann kann analytisch denken, ist fähig Situationen mit einem Blick zu erfassen, schon von Berufs wegen. Aber das gesamte Warensortiment eines bekannten Modemachers hier in der mit Marmor ausgelegten Fußgängerzone einer europäischen Metropole?

Wir schwelgen in heißem Kakao mit dicken Sahnehauben und viel Extra-Zucker, kleinen süßen Kuchen und lassen uns verschwörerisch grinsend von den fiedelnden Zigeunern umschmeicheln, die nach einem kleinen Trinkgeld zum nächsten Tisch weiterziehen. Liebevoll tätschelt mein Traummann meine Hand. „Ich brauch wirklich nichts, Baby und du hast doch alles.“ Ich sehe ihn schweigend an und überlege fieberhaft den nächsten Schachzug.

„Wir können ja morgen noch mal wiederkommen.“ Klopft er versöhnlich meinen Unterarm. „Morgen ist Sonntag.“ Erinnere ich ihn. „Macht doch nichts. Wir haben doch Urlaub.“ Er strahlt mich an. Unglaublich! „Es gibt doch wohl nichts Frustrierenderes, als einen Stadtbummel, wenn alle Geschäfte geschlossen sind!“ antworte ich heftig. „Wo ist denn da der Sinn?“ „Du sparst!“ Triumphierend sieht er mich an. Ich bin fassungslos.

Hand in Hand schlendern wir zwischen Touristen und gut betuchten Ungarn durch die belebten Straßen. Gelegentlich sieht er mich forschend von der Seite an und drückt mir ein zärtliches Küsschen auf die Schläfe. Er kennt mich… Meine Schritte werden langsamer und mit einem begeisterten „Guck mal!“ stehen wir vor einer Auslage, die auf die prall gefüllte Brieftasche des urbanen Cowboys abzielt. Er sieht sich kurz um und zieht mich dann zu einem Schuhgeschäft. „Wir können ja mal nach Schuhen gucken.“ Murmelt er. Immerhin. Ich atme auf und gehe als erste durch die Tür, die er mir Gentleman-like aufhält. Vielleicht will er sich auch nur den Rückweg offen halten. Hihi.

Wir sind uns schnell einig, da wir auf Anhieb dasselbe Paar schwarzer Schuhe mit Ledersohle favorisieren. Die hübsche kleine Verkäuferin bringt fix seine richtige Größe...  anprobieren, zwei Schritte vor und zurück. „Wie findste die?“ Unsicherer Blick zu mir. Ach, ich liebe ihn und frage mich zum tausendsten Mal, wie es diesem ein Meter neunzig Mann gelingt mich von unten anzusehen, denn ich reiche ihm ja nur bis an die Schulter… „Schön. Die passen zu Anzug und Jeans.“

Seinen Seufzer, als wir mit der geschmackvollen Lacktüte wieder auf die Straße treten, hat sicher ganz Budapest gehört! Nun wähnte er sich in Sicherheit, denn er hatte ja etwas gekauft. „Sollen wir jetzt wieder zurückfahren?“ Charmant lächelnd steht er vor mir und schaut mir tief in die Augen. Mein Herzchen rumpelt etwas. Schnell stelle ich mich auf die Zehenspitzen und küsse ihn auf den Mund. „Okaaay,“ antworte ich gedehnt und sehe ihn neckisch an, „aber wenn wir wieder in Berlin sind, schauen wir noch mal im KaDeWe für dich. Die haben einen Ermäßigungsgutschein zugeschickt und der gilt noch bis dahin.“ „Das machen wir!“ entgegnet er mit fester Stimme, legt seinen Arm um meine Taille und wir spazieren Richtung Parkplatz. Ich strahle. Ob er etwas finden wird, weiß ich nicht, aber er meint was er sagt. Auch dafür liebe ich ihn.

 * Humana ist eine Berliner Kette mit 2nd Hand Läden, deren Verkaufserlös der Dritten Welt zugute kommt. Es gibt tolle 2nd Hand Läden in Berlin, Humana allerdings wird als Trend-freie Zone gehandelt...