TRAGISCHER TODESFALL
Nun war es passiert. Es lag nicht an Berlin, nicht an dem Kiez. Wir hatten es alle kommen sehen.
Mein Freund, der den dämlich grinsenden Kerl mit einem unsicheren Blick streifte, wann immer er an ihm vorbei ging.
Mein Sohn, der mich gelegentlich wissend ansah und mit einer seitlichen Kopfbewegung in die Richtung des alten Mannes deutete.
Immer hatte ich sanft den Kopf geschüttelt, wohl wissend, dass der Alte es nicht mehr lange machen würde. Manchmal fragte ich mich, ob ich ihn würde retten können Verstecken, bis die anderen ihn vergaßen. Lag das in meiner sozialen Verantwortung? War es gar meine Pflicht? Meine Aufgabe als Lebensgefährtin und Mutter?
Nein! Hatte ich beschlossen. Es war kein Zufall, dass er dort lag. An Zufälle glaube ich nicht, auch nicht direkt an die Sterne. Trotzdem: alles im Leben hat seinen Sinn!
Nun war es passiert.
Wann genau, war auf den ersten Blick nicht zu ermitteln. Tatsache war, dass ein riesiges Loch in seinem Schädel klaffte, die Kapuze mit der Fellkante war achtlos nach hinten weggerutscht. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie zu entfernen oder gar mitzunehmen. Das Fell war sowieso nicht echt. Er lag auf dem Rücken, seine Hände mit den dicken Handschuhen umklammerten immer noch den alten Jutesack, der bereits einen großen Flicken aufwies. Ob wir jemals erfahren, was er da wirklich drin hat?
Ich persönlich war ja nicht neugierig. Nicht jetzt. Es war einfach der falsche Zeitpunkt dafür. Forschende Handlungen sollten sich in dieser Phase auf die Frage nach dem Übeltäter erstrecken.
Wer tut so was?
Die Stiefelspitzen ragten in die Luft. Es hatte etwas Endgültiges, wie er so da lag. Immerhin: er hatte sich ins neue Jahr hinüber gerettet. Ich wäre nicht überrascht gewesen, wenn ihm das schon früher passiert wäre. Irgendwie hatten wir alle mit so etwas gerechnet. Aber noch kurz vor dem Silvesterfeuerwerk hatte ich ihn gesehen. Er glänzte mit den vorzeitig gezündeten bengalischen Feuern um die Wette und ich hatte mich noch gewundert, dass er dabei war.
Nun war es passiert.
Ende Januar hatte sich sein Schicksal erfüllt.
Sofort fragte ich meinen Sohn, ob er etwas dazu sagen könne, ja suchte selbst bei ihm nach verräterischen Spuren. So absurd war das nicht. Seiner Meinung nach hatte der Alte sein Leben längst verwirkt. Aber mein Sohn stritt heftig ab, mit dieser Sache etwas zu tun zu haben. Ja - an irgendetwas überhaupt Schuld zu tragen!
Sollte etwa mein Freund… ? Und wenn ja, wann hätte das passieren können?
Fieberhaft ließ ich den Vormittag Revue passieren, warf noch mal einen kurzen Kontrollblick auf den reglosen Mann, dem augenscheinlich nicht mehr zu helfen war.
Nein, er lag schon etwas länger da, entschied ich.
Also: nachts.
Hatte mein Traummann heimlich unser Liebeslager verlassen, sich aus den warmen Laken gleiten lassen um das zu tun?
Ich dachte an seine Schwüre in der Silvesternacht, die stoisch herunter gebeteten Versprechen nicht mehr zu rauchen, auf jeden Fall weniger!
Weniger als was? Als wieviel? Er hatte ebenfalls versprochen, sich bei Nautilus Training anzumelden, noch im Januar – jawoll! Auf jeden Fall würde er keine Süßigkeiten mehr essen, um aus seinem süßen (und wie ich an dieser Stelle zugebe: von mir heiß geliebten) Waschbärbauch ein Six-pack zu machen.
Ich liebe ihn. Wirklich. Und ich vertraue ihm. Meistens.
Aber außer uns war niemand sonst auch nur in der Nähe in der fraglichen Zeit.
Ich musste den Tatsachen ins Auge sehen!
Dass er mich liebt, ist unzweifelhaft. Aber seinen Versprechen glauben kann ich nicht mehr! Mein Traumprinz hat einen Fleck bekommen auf seiner goldenen Rüstung. Ich darf mir da nichts mehr vormachen:
Er allein trägt für diese Tat die Verantwortung. Er ist der Mörder des letzten Schokoladenweihnachtsmannes!
Autor: Mareen Vahle
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