Lernort Herz
Die "Nachtansichten" - die lange Museumsnacht der Stadt Bielefeld - waren ein toller Erfolg! Von 16 - 24 h präsentierten sich die Museen, Galerien und Kirchen den Bürgern mit vielen Aufführungen und Mit-mach-Aktionen. Im Naturkunde-Museum haben wir unsere Darbietungen natürlich an die laufende Ausstellung "Märchentiere" angepasst.
In der oberen Etage befand sich eine zauberhafte, interaktive Szene "Der Wolf und die sieben Geisslein". Meine Aufgabe war es, in einem eigenen kleinen Raum im Erdgeschoss die Wölfe an sich vorzustellen. Lernort-Natur-mässig war dem Thema nicht beizukommen. Wölfe zählen bei uns nicht wirklich zum heimischen Wild und es konnte mir auch niemand ein Präparat zur Verfügung stellen. Also habe ich die Stellwände an der Stirnseite und die Tische geschmückt mit Sauschwarten, Winterdecke vom Reh und einigen Fuchsbälgen. Um dem Thema eine (vor-)geschichtliche Richtung zu geben, habe ich die Indianer gewählt. Große Häuptlingsbilder, Pfeile und Bogen, Tomahawk und Trommel waren die weitere Deko. Vom Tierpark hatte ich die Decke eines an Altersschwäche gestorbenen Wolfes, von einem Jagdfreund eine Jungwolfdecke und einen Wolfsschädel als Leihgabe erhalten. Zwei ausgestopfte kanadische Schakale und mein Lernort Natur-Fuchs samt Beutetiere Fasanenpaar wurden wirkungsvoll dazwischen aufgebaut. An den Längsseiten befanden sich hinter Glas die zum Museum gehörenden Präparate wie Reh- und Schwarzwild. Die konnte ich wunderbar als Beutetiere mit einbeziehen. Ich selbst hatte ein langes Lederkleid und Fellstiefel an, kleine Zöpfe in meine langen Haare geflochten, mein Hirschhorn-Messer am selbst gemachten Gürtel und eine Kriegsbemalung (vielleicht habt Ihr es im WDR 3 gesehen). Der Zustrom der Menschen war enorm und es waren viele, viele Kinder dabei. Für sie mache ich das ja eigentlich. Aber an diesem Tage ist etwas geschehen, was mich stärker bewegt hat.
Mit Bielefeld ist weltweit auch der Name Bethel verbunden - eine Stadt in der Stadt, wo Behinderte ein beinahe autarkes Leben führen mit eigenen Handwerksbetrieben, eigenem Kaufhaus und sogar einer eigenen Währung - dem Bethelgeld - mit dem jeder ganz offiziell bezahlen kann. Behinderte gehören zum Stadtbild und während Grossveranstaltungen sind sie dort gruppenweise in Begleitung ihrer Betreuer unterwegs. Irgendwann besuchte so eine Gruppe meinen Raum. Ich erklärte die Tiere und ließ die Felle und Schwarten herumreichen (Tastunterschied: Fell/Borsten). Ich dachte, dass es gerade bei diesen Menschen auf das be-greifen ankommt, da manche kaum oder gar nicht sprechen. Manchmal wußte ich nicht, ob sie auffassten was ich erklärte. Nur ein Mädchen mit Down-Syndrom stellte Fragen und reflektierte offenkundig das, was ich über die Tiere erzählte. Als ich die Fasanenhenne hochnahm zuckte ein offenkundig schwer Behinderter angstvoll zurück. Die Betreuerin erklärte, dass er grundsätzlich Angst vor Vögeln habe, da könne man nichts machen. Ständig machte er mit der Hand eine lange Ziehbewegung an seiner Nase. Ich dachte, dass er wohl Angst vor dem spitzen Schnabel habe und sprach zu ihm. Die Betreuerin machte mich auf seine Gehörlosigkeit aufmerksam, er könne nur Zeichen verstehen. Also ließ ich ihn die Abwurfstange eines Rothirschen halten - so gut es ging. Dann bezog ich das Mädchen mit dem Down-Syndrom mit ein, in dem ich sie einen Lernort Natur-Prospekt durchblättern ließ, bis das Foto eines Hirsches kam. Ich deutete auf das Bild, auf die Abwurfstange und spreizte meine Hände über dem Kopf. Er zeigte Daumen hoch - okay! Das hatte er also prima verstanden. Dann ließ ich ihn den Fuchsbalg streicheln, den ich immer etwas näher zur Fasanenhenne zog und strich auch über deren Federkleid. Dann drehte ich die Henne langsam seitlich, damit der Schnabel nicht in seine Richtung zeigte. Und siehe da: irgendwann strich er mit gekrümmtem Zeigefinger vorsichtig auch über das Federkleid des Fasanes. Vorsichtiger und ehrfurchtsvoller als jedes Kind, immer mit dem Strich und nie dagegen. Dann schaute er mich an durch seine Brille, den schaukelnden Kopf in den Nacken gebogen und zeigte: Okay! Die Betreuerin war völlig platt und sagte, dass sie das nie erwartet habe, weil er immer solche Angst vor jeder Art Vögel habe. Es habe eine große Bedeutung, dass er diesen Schritt vollzogen habe. Es hat mich bis ins Innerste berührt und ich dachte, wäre ich nicht Jägerin und nicht bei Lernort Natur, nie hätte ich diesen Moment erlebt.
Eure - etwas stille - Mareen.*
Ich danke Achim, Gudrun, Isolde und Hartmut (Tierpark Olderdissen) für die grosszügigen Leihgaben, die die Gestaltung dieses Raumes erst ermöglicht haben.
