Der Sechser von Hohnstein
* für Lür von der Hofjägerin *
Es war ein heisser Samstag. Meine Jagdgäste hatte ich an meinen Lieblingsplätzen im Revier untergebracht - am Tiergarten, wo sich die einzige geschlossene Kanzel des wunderschönen Revieres längs des Flusses befindet und am Fritzschen - einer Hügelkette parallel des langgestreckten Polenztales. Der für mich zuständige Förster hatte mir netterweise angeboten, die nächsten zwei Wochen im Revier seines Vaters zu waidwerken. Dieser machte nämlich Urlaub mit seiner besseren Hälfte in Südfrankreich. So etwas ist immer sehr wichtig bei passionierten Jägern, damit nicht irgendwann daheim der Haussegen schief hängt...
Nachdem ich also meine Leutchen mit den nötigen Hinweisen abgesetzt hatte, machte ich mich auf zur sechs Kilometer entfernten Burgstadt Hohnstein. Am höher gelegenen Ortsrand fuhr ich in den Bestand hinein. Schlagartig umfing mich die vertraute Dämmerung eines tiefen Waldes mit geschlossenen Baumkronen. Die Luft war kühl und würzig, erfüllt vom Gesang der zahlreichen Singvögel.
An der ersten Wegespinne nahm ich kurz den Fuss vom Gaspedal. Ich zögerte nur einen Moment und schlug einen der linken Forstwege ein. Hier musste es sein. Voraus schimmerte etwas Rotes. Richtig - die Bank. Dort halbrechts, den lichten Buchenbestand links liegenlassend. Rechterhand schimmerte helles Licht durch die Tannen. Ja - dahinter musste die Wiese sein. An einem Stichweg liess ich den Wagen ausrollen, nahm meine Waffe, das Glas, überprüfte die Munition und pirschte los. Bloss nicht direkt zur Wiese. Wer weiss? Vielleicht hatte sich schon das eine oder andere Stück Wild eingefunden... Also aussen herum, die ganze Längsseite runter, an dem dicken Felsen links einschlagen. Baumwurzeln zogen sich quer über den ausgewaschenen Forstweg, in dem noch grosse schwarze Pfützen vom letzten Gewitter standen. Schwärme von Mücken tanzten über den glänzenden Lachen. Nur kurz streifte mich der Gedanke an die Autanflasche im Bad... weiter. Ich war spät dran. Endlich erreichte ich den kleinen Pirschweg, der direkt zur offenen Kanzel führte. Vorsichtig setzte ich einen Fuss vor den anderen, immer bedacht, trockenes Laub und dürre Zweige zu umgehen. Ab und zu hob ich den Kopf und spähte durch die Äste zur Wiese rüber. Mit zwei grossen Schritten stand ich vor der Leiter und kletterte Schritt für Schritt die wackligen Sprossen hoch. Oben angekommen richtete ich das Sitzbrett und stellte - nicht zum ersten Male - fest, dass die Hochsitzerbauer wohl immer Männer um die 1,90 Meter seien. Ein Persönchen wie ich konnte im Sitzen weder gescheit über die Bretterwand blicken, geschweige denn auf dieser anlegen und einen sauberen Schuss abgeben. Mist.
Es knisterte. Mein Herz schlug schneller. Dann drangen Wortfetzen an mein Ohr. Oh, nein - Wanderer! Drei junge Männer in trendy Outdoor-Klamotten und Rucksäcken marschierten zügig an der rechten offenen Längsseite über den Prischweg. In einigen Metern Abstand folgte ein quengelndes Mädchen mit blonden Zöpfen, das offensichtlich viel lieber bei McDonalds wäre... Vogelgezwitscher und Insektengesumme erfüllte die Luft, besonders die vor meinem Gesicht. Vorsichtig schlug ich nach den dreistesten Mücken - Rehe sind Bewegungsseher... ich gähnte. Es war spät gestern Abend. Es wird immer spät, wenn Jagdfreunde beisammen sitzen.
Da - etwas Rotbraunes schob sich durch die Wiese. Mein Herzschlag legte zu. Ein Bock? Das Stück zögerte, hob sichernd das Haupt. Die aufmerksamen Lauscher und ein starkes Sechsergehörn schoben sich durch die blühenden Gräser. Ein Bock - und was für einer! Vorsichtig erhob ich mich von dem wackeligen Sitzbrett und packte mit sicherem Griff meine Waffe. Der Bock bummelte durch die Wiese direkt auf meine Kanzel zu! Ein überhängender, weit ausladender Ast verdeckte die freie Sicht auf das Tier.
Meine Büchse hatte ich längst in Zeitlupe über die Bretterwand geschoben. In gebückter Haltung versuchte ich, den Sechser ins Zielfernrohr zu bekommen. Keine Chance! Wie ein leuchtend grüner Vorhang verdeckte das Blattwerk den rotbraunen Körper des Wildes. Langsam zog er weiter. Mein Herz raste. Gleich musste er an den Zweigen vorbei sein - dann stand er frei, dann konnte ich schiessen. Ich spürte den Herzschlag in meiner Kehle. Noch drei Schritte, noch zwei... Meine angespannten Beine zitterten leicht. Meine Hände packten den glatten Holzschaft noch fester. Ich roch das Waffenöl, das Leder des Trageriemens, registrierte das hohe Summen einer Mücke. Noch einen Schritt... Aber der Bock liess sich fallen, in die Wiese plumpsen wie ein junger Hund, schlug die Läufe unter und mümmelte mit schläfrigen, halb geschlossenen Augen auf einer gelben Blume. Meine Hände entkrampften sich. Ich atmete tief durch um mich zu beruhigen. Vorsichtig drückte ich die Knie durch. Puh!
Der Bock schlackerte mit dem Haupt. Die Insekten belästigten auch ihn. Wie lange mag so ein Reh in der Wiese ruhen? Das hatte ich noch nie erlebt. Unruhig zuckten seine Lauscher um die Plagegeister abzuwehren. Mein Rücken schmerzte. Tief durchatmen. Vorsichtig zog ich den Lauf etwas zu mir, versuchte, meine Muskulatur in der unnatürlichen Haltung zu entspannen. Plötzlich sprang der Bock mit einem Satz auf seine vier Läufe und schüttelte genervt sein Haupt. Was für ein Gehörn - weit über Lauscher hoch. Mein Herz tat einen Satz. Jetzt. Gleich. Er tat einen Schritt, den Schritt, auf den ich gewartet hatte! Schnell ging ich tiefer in die Knie, zog den Schaft fest in meine Schulter, mein Herz raste. Das Absehen des Glases suchte sein Ziel... da drehte er sich um! Zurück, er wollte zurück! Den seh ich nie wieder! Eine Sekunde. Er hob den rechten Lauf, die glatte Sommerdecke leuchtete über der Flanke. Nur eine Sekunde, dann wäre die Chance vertan! Das Blatt... hoch anstreichen... er ist zu nah! Mein Herz schlug, als wolle es den Brustkorb sprengen. Mein geöffneter Mund war trocken. Ich hielt den Atem an. Jetzt. Nur jetzt oder nie! Die Kuppe meines rechten Zeigefingers berührte den Abzug... der Schuss brach. Wie von einer Riesenfaust getroffen, schleuderte der Wildkörper herum, die Läufe sprinteten in einem letzten Halbkreis durch die Frühlingswiese, Blütenblätter stoben auf, Wolken von Pollen und Insekten stiessen hoch, als der bereits tote Bock in das dichte Gras fiel. Ich hatte schon durchrepetiert, bevor das Tier den Boden berührte. Ein Reflex, der mir den nächsten Schuss sichert und bei anderen Wildarten vielleicht das Leben rettet. Aber nicht hier, nicht heute, wo in einem, wie mir schien, ohrenbetäubendem Lärm das Vogelkonzert einsetzte, dass für einen Moment verstummt war. Meine Ohren rauschten, die Finger lösten sich vorsichtig vom Schaft, aber nicht die Hand, niemals die Hand. Langsam drückte ich die Knie durch, richtete mich auf, lies die Stelle mit der Beute nicht aus den Augen, bog mein Kreuz durch, die Augen brannten, aber sie liessen nicht ab von der Stelle, wo der Bock liegen musste im hohen Gras. Ich atmete tief ein. Ein Glücksgefühl breitete sich, ein innerer Jubel. Danke, lieber Gott! Hubertus! Urgrossvater! Waidmannsheil!
Einige Minuten später stieg ich mit zitternden Beinen vom Hochsitz. Bedächtig Stufe für Stufe nehmend, die Waffe über der Schulter. Unten angekommen, ging ich zügig die Waldkante hinunter zum Wagen um meine Hündin zu holen. Auch wenn das Wild nicht "verloren gegangen" war, so ist es doch eine kleine Übung für den braven Jagdhund. Sie hatte den Schuss gehört und war schon sehr aufgeregt, was sich noch verstärkte, als ich ihr die Nachsuchenhalsung anlegte. Ruhig führte ich meine Cayenne an den Anschuss. Schwanzwedelnd nahm sie sofort Witterung auf, folgte der kurzen Spur im hohen Gras und zog mich sicher zum erlegten Stück. Da lag er - ein Prachtbock mit stark ausgeprägten Vereckungen, flachen Dachrosen und leuchtend rotem Sommerhaar. Der Schuss sass auf dem Blatt. Alles richtig gemacht - juhu! JUHU!!!